Wie viel Moral in der BWL wird benötigt, um neben der Steigerung von Profiten auch essentielle Fortschritte in der gesellschaftlichen Wohlfahrt und Lebensqualität der Menschen erreichen zu können?

Nach Ingo Balderjahn kann die Immobilienkrise als Auslöser für die gravierenden Verwerfungen auf den globalen Finanzmärkten, welche bis heute die Berichterstattung der Medien durch Schlagwörter wie Finanz- und Bankenkrise geprägt haben, angesehen werden. Im Kern geht er von der Annahme aus, dass sich auch die BWL neben den Politikern, den Ökonomen und den Bankern dieser europäischen beziehungsweise globalen Krisenerscheinung stellen muss. Sowohl nationale als auch globale Probleme der Gesamtwirtschaft, deren Ursachen und Lösungen könnten durch theoretische und methodische betriebswirtschaftliche Grundlagen wesentliche Bezüge zu den gesamtgesellschaftlichen Wirtschaftsfragen herstellen.

In diesem Zusammenhang bemängelt Balderjahn die Tatsache, dass die betriebswirtschaftliche Forschung sowie die Ausbildung der Studenten letztlich nur auf auf eine Maxime, nämlich durch Effizienz die Profite der erwerbswirtschaftlichen Organisationen zu maximieren, abzielt. Eine betriebswirtschaftliche Grundkonzeption, die sich einzig dem Profit oder anders ausgedrückt den Eigenkapitalgebern eines Unternehmens verpflichtet fühlt, versperre den Zugang zu einer betriebswirtschaftlichen Forschung und zu nationalen und globalen Frage- und Problemstellungen der Weltwirtschaft.

Es ist klar, dass gesamtwirtschaftliche Probleme und Krisen nicht disziplinär gelöst werden können. Vielmehr bedarf es einer Analyse des Wirkens und der Betroffenheit zahlreicher unabhängiger Akteure, wie zum Beispiel den Interessengruppen innerhalb und außerhalb eines Unternehmens. Hierzu zählen neben den Mitarbeitern insbesondere auch Lieferanten, Gläubiger, der Staat und die Gesellschaft in der wir leben oder anders ausgedrückt, die Stakeholder.

Unternehmen die einzig und allein das Ziel der Profitmaximierung verfolgen, vernachlässigen nur zu gern die damit verbundenen negativen Folgen für unsere Umwelt und Gesellschaft. In diesem Zusammenhang ist es also klar dass kein Beitrag zur allgemeinen gesellschaftlichen Wohlfahrtsmaximierung zu erwarten ist.

Es ist weitaus wichtiger, den Sinn und Zweck der BWL zum einen umfassender und vielschichtiger und zum anderen vielleicht völlig neu zu definieren. Nur dadurch kann der ökonomische Aspekt der Gewinnmaximierung auch um die ökologischen und sozialen Zielgrößen erweitert werden. Diese Umstrukturierung kann jedoch nur durch ein konsequentes und flächendeckendes Umdenken realisiert werden. Hierzu zählt besonders der Verzicht der Unternehmen auf finanzielle Partikularinteressen, bei denen die eigenen Ziele und Wahrnehmungen nur vorrangig und ohne gruppenübergreifende Aspekte wie zum Beispiel dem Gemeinwohl berücksichtigt werden. Doch hier entsteht die Diskrepanz! Das Ziel sollte auf das Gemeinwohl ausgerichtet werden, um ethisch orientierte Handlungsprinzipien entwickeln zu können.

Der grundlegende Wandel dieses Grundgedankens lässt sich besonders an der Errichtung der Enquete-Komission ablesen. Wie bekannt ist, gilt das Bruttoinlandsprodukt eines Landes als umfassender Wirtschafts- und Wohlstandsfaktor einer Nation. Nach Ansicht des Deutschen Bundestages jedoch, sollte die hierfür eingerichtete Kommission Vorschläge erarbeiten um den Wohlstand der deutschen Gesellschaft nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und sozial neu zu definieren und zu messen. Die Entwicklung dieses ganzheitlichen NIW (Nationaler Wohlfahrtsindex) stellt ein Variablenset zur Erweiterung des BIP bereit, um nicht nur die Wohlfahrtssteigerung sondern auch die Wohlfahrtsverluste einer Volkswirtschaft mit einzubeziehen.
Doch wie die Ergebnisse zeigen, belegte auch die ökonomische Glücksforschung, dass sich trotz eines steigenden Einkommens in den westlichen Industrienationen die wahrgenommene Lebensqualität der Menschen – trotz steigender Löhne – nicht beziehungsweise kaum erhöht hat. Hierdurch wird klar, dass der Wohlstand und die Zufriedenheit eines Menschen sich nicht nur aus dem persönlichen Einkommen, sondern vielmehr aus der Lebensqualität, den persönlichen Beziehungen und der Gesundheit ableiten lässt.

Für Philosophen muss es daher trivial sein, dass gerade die Ökonomen und Wirtschaftsweisen das Thema Glück für sich entdeckt haben. Jedoch zeigen uns auch die in den letzten Jahren weiter sinkenden Geburtenraten und die Erhöhung des Renteneintrittsalters, dass eben diese Faktoren für unsere Zufriedenheit und Lebensqualität nicht förderlich sind.

Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass eine nachhaltig ausgerichtete und zukunftsorientierte Konzeption der BWL das unternehmerische Handeln nicht vorwiegend und ausschließlich in Abhängigkeit ihrer ökonomischen Erfolge betrachten darf. Es ist nicht Sinn und Zweck das effiziente Wirtschaften einer Unternehmung in Frage zu stellen. Es geht vielmehr um die Tatsache, dass nicht mehr alleine das ökonomische Prinzip zur Beurteilung komplexer wirtschaftlicher Entscheidungen innerhalb einer Unternehmung herangezogen werden darf. Vorwiegend sollte es wichtig werden, Effizienz nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial und ökologisch zu beurteilen. Das Konzept der Green Economy, zeigt wie eng sich die Beziehung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen darstellen lässt.

Unter der Green Economy versteht man im Allgemeinen eine an ökologischer Nachhaltigkeit, wirtschaftlicher Rentabilität und sozialer Inklusion ausgerichtete wirtschaftliche Politik. Dieses Umweltprogramm der Vereinten Nationen definiert quasi eine neue Art des Wirtschaftens, bei der das menschliche Wohlergehen nicht nur gesteigert und soziale Gleichheit sichergestellt wird, sondern vielmehr auch gleichzeitig Umweltrisiken und ökologische Knappheiten erheblich vermindert werden sollen.

Vereinfacht ausgedrückt kann die Green Economy somit als eine Art des Wirtschaftens verstanden werden, die ressourceneffizient und sozial verträglich ist. Im Fokus steht also die Eingrenzung der Umweltverschmutzung, die Verminderung der Abnahme von Artenvielfalt und die Erhöhung der Energieeffizienz. Sie bezeichnet damit ein Konzept für die ökologische Wende des Kapitalismus bei der arbeits- und wirtschaftspolitische Maßnahmen mit dem ökologischen Umbau der Industriegesellschaft kombiniert werden können.

Im Hinblick auf die zu Beginn erwähnte Wirtschafts- und Finanzkrise haben dieses und ähnliche Konzepte deutlich an Bedeutung gewonnen. Neben Ökologen, Aktivisten und politischen Parteien (Bündnis 90/Die Grünen) unterstützen aber auch eine Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern diesen Ansatz, da sie hierin nicht nur eine Stärkung des Standorts Deutschland sondern auch eine entscheidende Trendwende in unserer Art der Wirtschaftsdenke sehen. Somit ist nicht allein das Wirtschaftswachstum eines Landes für den Wohlstand seiner Bürger sondern auch die soziale und ökologische Lebensqualität der Menschen wichtig. Diese Faktoren zeigen deutlich, dass in den letzten Jahren die Moral in der Betriebswirtschaft stetig an Bedeutung zugenommen hat.
Als Beispiel lassen sich hier unterschiedliche Unternehmen wie zum Beispiel Apple oder auch BMW anführen, die nicht nur im Hinblick auf die Wertschöpfungskette sondern auch im Hinblick auf Moral und Umwelt anfangen eigene Unternehmensprozesse und die eigene Unternehmensdenke in Frage zu stellen und auch zu verändern.

In diesem Zuge muss ebenfalls der Versuch unternommen werden, die Moral der BWL bereits innerhalb der Ausbildung konsequent zu vermitteln. Hochschulen haben hier sicherlich keine Exklusivaufgabe, tragen jedoch eine wichtige Mitverantwortung. Fachlich dominiert hier meistens ein rein funktionales, spezialisiertes und natürlich auch besonders zahlenlastiges Denken, welches unter Zugrundelegung wirtschaftlicher Modelle vermittelt wird.
Natürlich muss man auch von der Annahme ausgehen, dass Moral und Einfühlungsvermögen sich schlecht bis gar nicht formalisieren lassen. Vielmehr schafft die Ausbildung – dieser morgigen Führungskräfte – ein vergleichsweise instrumentelles Denken anzutrainieren, welches dem Kern der Sache sicherlich dienlich ist, aber moralische und soziale Faktoren völlig außer Acht lässt ohne diese gegebenenfalls auch in Frage zu stellen. Aus diesem Grund muss versucht werden durch das Lehrangebot gegenzusteuern. Es wäre trivial zu denken, dass die aktuelle Ausbildung auch an moralische Faktoren geknüpft wäre.
Den Studenten muss zum einen die Möglichkeit gegeben werden, ihre moralischen Überzeugungen mit einzubringen und zum anderen sich mit den moralischen Anforderungen und Hürden im Arbeitsalltag auseinanderzusetzen. Dadurch ist es zumindest möglich auch eine weitere Sichtweise neben der reinen Gewinn- und Profitmaximierung zu etablieren und ein differenzierten Blick auf unser Wirtschaftssystem zu vermitteln.

Auf der anderen Seite muss klar sein, dass ein ethisch einwandfreies Verhalten im Unternehmen und nicht allein die Gewinnmaxime gefördert werden muss. Dafür benötigen wir Anerkennung für verantwortungsvolle Tätigkeiten und eine Distanzierung bei der Ausbeutung von Rechtschaffenheit. Das bedeutet nicht, dass ein gewinnorientiertes Unternehmen sich per se unethisch verhält. Natürlich muss ein Mitarbeiter es als seine moralische Verpflichtung sehen, Gewinne für das eigene Unternehmen zu erzielen. Nur so kann auch der Fortbestand eines Unternehmens und die Sicherung des Arbeitsplatzes gewährleistet werden. Jedoch muss auch klar sein, dass die Gewinnerzielung nicht um jeden Preis und auf Basis systematischer Übervorteilung von anderen Individuen oder Geschäftspartnern erfolgen darf. Damit möchte ich ausdrücken, dass die reine Maximierung fälschlicherweise nicht bereits im Vorfeld verurteilt werden darf. Ein Widerspruch von Moral und Gewinnerzielung ergibt sich folglich nur dann, wenn ein Unternehmen am Markt lediglich zum eigenen Vorteil und auf unseriöse Art und Weise agiert.

Aus diesem Grund komme ich zu dem Schluss, dass die BWL versuchen muss Spielräume innerhalb eines Unternehmens zu sozialen und ökologischen Handeln zu nutzen und diesen auch innerhalb der Ausbildung von Führungskräften vermitteln muss, um zum einen die betrieblichen Wettbewerbsvorteile am Markt zu erzielen und um zum anderen auch die existenznotwendigen Grundlagen und moralischen Ansprüche an unsere Gesellschaft zu erfüllen. Dadurch kann das betriebliche Handeln nicht nur zu einer Steigerung des Profits, sondern auch zu einem Fortschritt im Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz sowie zur einer Steigerung der Lebensqualität der Menschen führen.

Die BWL darf demnach nicht einzig und alleine der privaten Gewinnerzielung und ihren Shareholdern verpflichtet sein, sondern muss auch im Hinblick auf die Umwelt und die Gesellschaft die eigene Denke und Strategie festigen und weiterentwickeln.